Patellaspitzensyndrom (auch bekannt als: jumper’s knee)

Das jumper’s knee oder auch Patellaspitzensyndrom ist ein typischer Sportüberlastungsschaden bei sprungkraftintensiven Sportarten, wie bspw. Basketball, Tennis, Fußball oder auch Laufen.

Häufiges und langes Sitzen kann das Patellaspitzensyndrom zusätzlich verstärken.

Die Anatomie

Beim Patellaspitzensyndrom ist die Patellasehne am Ansatz zur Patella (Kniescheibe) gereizt. Diese Reizung kann sowohl an der unteren, als auch an der oberen Kante der Patella auftreten. Die Patellasehne ist die Verlängerung der vorderen Oberschenkelmuskulatur (M. quadrizeps femoris) und hat ihren Ansatz am Schienbein. Die Patella schützt das Kniegelenk und vervielfacht die Kraftentwicklung des M. quadrizeps femoris durch die Verlängerung des Hebelarmes. Wird diese Sehne langfristig überlastet, kann sich in der Folge der Sehnenansatz an der Patella entzünden.

Die Ursachen

In den allermeisten Fällen liegt die Ursache für das Patellaspitzensyndrom in einer Dysbalance zwischen der vorderen und der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Sind die Zugkräfte nicht im Gleichgewicht, wird die Patella ungleichmäßig belastet. Das kann wiederum langfristig zu den Schmerzen führen.

Die Zugkraft des vorderen Oberschenkels ist beim Patellaspitzensyndrom auf das Kniegelenk erhöht, während die hintere Oberschenkelmuskulatur insuffizient ist. Dadurch wird das Kniegelenk stärker in die Extension (Streckung) gezogen, als es sollte.

Die muskuläre Dysbalance des vorderen Oberschenkels zum hinteren Oberschenkel kann durch ein zu intensives Training der Muskulatur auf der Vorderseite entstehen. Vor allem bei Sprungkraftintensiven Sportarten wird der vordere Oberschenkel übermäßig trainiert, um eine größere Sprungkraft zu erhalten. Dabei wird aber der hintere Oberschenkel oftmals „vergessen“.

Eine weitere Ursache für die Dysbalance kann das häufige und lange Sitzen sein. Das Sitzen führt zu einer Verkürzung des vorderen Oberschenkels, während der hintere Oberschenkel und die Hüftmuskulatur (Mm glutaeus) gehemmt werden. Bei der verkürzten Muskulatur erhöht sich Grundspannung, während die gehemmte Muskulatur erschlafft und schwächer wird.

„Viel hilft viel“? -nicht wirklich!

Man findet Info-Seiten im Internet, die von generellen Muskelschwächen sprechen (z.B. „Rumpfschwäche“ oder „Hüftschwäche“), und dass Du Dein IT Band dehnen solltest. Manche empfehlen sogar, ein paar Übungen zu „probieren“, umzusehen was Dir im Einzelfall hilft. Getreu dem Motto: „Viel hilft viel“, kann ein generelles Stabilitätstraining und Muskelaufbautraining helfen. Und das Dehnen ist selten verkehrt. Deshalb sind solche Aussagen auch nicht grundsätzlich falsch. Doch sind sie – in unseren Augen – auch nicht zielführend. Denn ein unspezifisches Training kann die Problematik kurzfristig beheben, ohne die Ursache langfristig zu korrigieren.

Gerade beim Patellaspitzensyndrom ist die Gefahr groß, dass man seinen vorderen Oberschenkel (m. quadrizeps femoris) zusätzlich stärkt, obwohl er ursächlich für die Schmerzen verantwortlich sein kann. Beispielsweise ist die Kniebeuge eine tolle Übung für die Hüftmuskulatur. Gleichzeitig trainierst Du mit der Kniebeuge auch den vorderen Oberschenkel. Wenn Du also die Kniebeuge als Übung für die insuffiziente Hüfte wählst, kann es sein, dass Du die Beckenstabilität verbesserst, gleichzeitig aber noch mehr Zug auf die Patellasehne erzeugst. Das kann – wie gesagt –  für eine kurzfristige Entlastung sorgen, aber sobald Du mit der Übung bzw. dem Training aufhörst werden die Schmerzen sogar noch schlimmer als vorher.

Ursachenorientierung

Deswegen können wir Dir nur raten, gezielt an der Problematik zu arbeiten, damit Du langfristig schmerzfrei und gesund bleibst. Dazu musst Du die Ursache kennen und ursachenorientiert trainieren. Deshalb findest Du im besten Fall heraus, ob bei Dir ein statisches und/oder ein muskuläres Problem vorliegt, damit Du das Problem gezielt angehen kannst.

Die Versorgung

Die gezielte muskuläre Versorgung des Patellaspitzensyndroms erfolgt nach dem gleichen Prinzip wie bei den anderen Überlastungsschäden:

  1. Mobilisieren
  2. Dehnen
  3. Aktivieren / Kräftigen

Für die Behandlung von Überlastungsschäden musst Du nur wissen, welche Muskulatur mobilisiert und welche gekräftigt werden soll.
Und wie wir in den oberen Abschnitten erläutert haben, ist der vordere Oberschenkel meist verkürzt, während der hintere Oberschenkel und die Po-Muskulatur geschwächt sind. (Deshalb ist das Dehnen der hinteren Oberschenkel beim Patellaspitzensyndrom nicht förderlich.)

Mit diesem Wissen, werden wir den vorderen Oberschenkel (i.e. M. quadrizeps femoris & M. iliopsoas) mobilisieren und dehnen, während wir den hinteren Oberschenkel (M. bizeps femoris) und die Po-Muskulatur (Mm. glutaeus) aktivieren und stärken müssen. Dazu suchen wir uns (funktionelle) Übungen, die diese Muskelpartien ansprechen.

Exzentrische Übung

Darüberhinaus solltest Du die Patellasehne kräftigen, um sie langfristig für die auftretenden hohen Kräfte belastbar zu machen. Um Sehnen zu kräftigen, ist die exzentrische Belastung/Übung sinnvoll, um keine ruckartigen Kraftspitzen in der Sehne zu generieren. Hier bietet sich bspw. ein exzentrischer Kniestand an, bei dem Du dich langsam nach hinten lehnst und Dich dann absetzt, sobald Du die Rücklage mit Deinem Rumpf nicht mehr kontrollieren kannst.

Wie auch bei anderen Überlastungsschäden ist eine ärztliche Diagnose und eingehende Untersuchung, wie z.B. eine biomechanische Bewegungsanalyse, sinnvoll, um danach mit gezielten Maßnahmen die Ursache(n) zu beheben.